Mit „Rocket“ lieferte Robbie Williams im letzten Jahr einen explosiven ersten Vorgeschmack auf sein neues Studioalbum BRITPOP – und markiert damit sein erstes Soloprojekt mit komplett neuem Material seit 2016. Mit „Spies“ und „Human“ erschienen bereits 2 weitere Singles und bei seiner Tour im letzten Jahr zeigte er einmal mehr, das er ein begnadeter Entertainer ist.
Am 16.01.2026 ist das neue Album erschienen und Robbie wird im Juni für 2 Konzerte nach Deutschland kommen. Wir haben mit Robbie Williams über die Entstehung von BRITPOP, persönliche Einflüsse, kreative Freiheit und die Bedeutung von Musik in einer zunehmend digitalen Welt gesprochen.
Interviewpartner: Robbie Williams – Autor: Sophie Adell für PRESTIGE
Hallo. Hi Robbie Williams. Was für eine Ehre. Vielen Dank für Ihre Zeit. Ich bin Sophie Adell, und wir möchten alles über Ihr neues Album Britpop erfahren.
Robbie Williams: Ja.
Im klassischen Britpop steckt dieser besondere Spirit – freche Texte, Selbstbewusstsein, Rebellion. Das war schon immer ein Teil von Ihnen. Welche Stimmung oder welche Botschaft sollen Ihre Fans aus Britpop mitnehmen?
Zunächst wollte ich ein Album schreiben, das ganz an den Anfang zurückgeht – 1996, ich hatte gerade Take That verlassen. Die Frage war: Welches Album würde ich heute schreiben, mit dem Wissen und der Erfahrung, die ich jetzt habe? Was ich mir wünsche, ist, dass meine Fans mit mir übereinstimmen, dass diese Musik heute wieder wichtig für ihr Leben ist – dass sie relevant ist.
Sie waren in den 90ern mittendrin, als alles explodierte – von Oasis über Blur bis hin zu Cool Britannia. Wie viel Ihrer eigenen Reise aus dieser Zeit ist in die Songs dieses Albums eingeflossen?
Meine gesamte Reise ist in dieses Album eingeflossen. Ich habe schon immer autobiografische Songs geschrieben – im Grunde mein Tagebuch. Man sagt ja: Schreib über das, was du kennst. Und das Einzige, was ich wirklich kenne, bin ich selbst – während ich versuche, die Dinge zu verstehen. Ein großer Teil von mir ist immer noch dieser Junge von damals. Deshalb steckt viel von dieser Reise – von damals bis heute – in diesem Album.
Der Song Spies ist sehr gitarrenlastig und erinnert an Indie-Pop.
Ja.
Was war die Inspiration für diesen Track?
Ganz ehrlich: Die Inspiration war dieses Gefühl, dass noch jede Menge Kokain da ist – und dass man sich keine Sorgen macht, dass es irgendwann ausgeht. Gleichzeitig wissen wir alle, wie dieses „Band“ endet und welcher Abgrund folgt. Aber im Moment geht es um hemmungslosen Exzess – und genau den leben wir aus.
Gab es Britpop-Legenden, die Sie inspiriert haben oder mit denen Sie während der Arbeit an Britpop Kontakt hatten?
Chris Martin spielt bei einem Song mit, und Gaz Coombes von Supergrass ist ebenfalls dabei. Ich habe Blur immer geliebt, Oasis verehre ich bis heute. Radiohead bewundere ich sehr. Mein persönlicher Favorit aus der Britpop-Ära ist allerdings Pulp – wegen Jarvis Cockers Texte und seines Blicks auf die Welt. Aber wenn es um hemmungslosen Exzess geht, kommt man an Oasis nicht vorbei.
Sie haben nie davor zurückgeschreckt, Genres zu wechseln – Swing, Elektro, Balladen, Rock. Was war am kreativen Prozess von Britpop anders als bei Ihren bisherigen Alben?
Viele Künstler schreiben sehr erfolgreich immer wieder denselben Song. Ich habe dafür zu viel ADHS und liebe zu viele Dinge. Ich wollte Teddy Boy sein, Rocker, Mod, B-Boy, Rapper – ich wollte alles sein. Ich konnte mich mit all diesen Stilen identifizieren. Deshalb springe ich auch zwischen Genres. Ich sehe in allem etwas Schönes.
Würden Sie sich selbst als „Allrounder“ bezeichnen?
Ja. Oder zumindest als jemanden, der das Bedürfnis und den Wunsch hat, alles zu sein.
Neben dem digitalen Format erscheint Britpop auch auf Vinyl und als Deluxe-CD. Welche Bedeutung hat das klassische Albumformat in einer zunehmend digitalen Musikwelt?
Wir sind, wo wir sind. Man kann nicht gegen die Vergangenheit ankämpfen oder gestern zurückholen. Aber Musik hat an Tiefe und Bedeutung verloren, weil heute alles austauschbar ist – nicht nur Musik, sondern alles. Auch Menschen. Man wischt einfach weiter. Vinyl hat etwas Wunderschönes. Kassetten haben etwas Wunderschönes. CDs auch. Man hält Kunst in den Händen – das Cover, die Musik, das gesamte Werk. Das erinnert an eine Zeit, in der Dinge noch wirklich etwas bedeutet haben.

Haben Sie das Gefühl, dass Musik heute weniger bedeutet, weil sie digital ist?
Ich habe die Theorie, dass Musik „vollendet“ ist – dass nichts wirklich Neues mehr passieren kann. Wir haben alles ausprobiert. Das ist kein Jammern, es ist einfach der Stand der Dinge. Als Spezies haben wir Musik vielleicht abgeschlossen.
Sie waren immer sehr offen über Ihre Höhen und Tiefen. Hat sich diese Verletzlichkeit auch im Songwriting niedergeschlagen?
Ja, natürlich. Gleichzeitig habe ich auch das Bedürfnis, anzugeben – auch das findet sich in den Songs wieder. Wenn ich keine echte Selbstsicherheit finde, dann stelle ich eben eine her. Ich verkaufe meine Essenz – und diese Essenz ist kompliziert, ungewöhnlich und gleichzeitig völlig menschlich. Es geht um den Wunsch, geliebt zu werden – von anderen und von sich selbst. Die Texte sind mein Tagebuch.
Ein sehr schöner Gedanke. Sie haben viel Heilung durchlebt. Was sind für Sie die wichtigsten Aspekte von Heilung?
Der erste Schritt war: Wir sterben – wie verhindern wir das? Also habe ich alles identifiziert, was selbstzerstörerisch ist, und dort angesetzt. Das Thema ist so umfangreich, darüber könnte ich Bücher schreiben. Heilung folgt keinem Zeitplan. Ich wollte immer sofort gesund sein. Drogen haben mir schnelle Befriedigung gegeben – bis mir klar wurde, dass genau sie mich zerstören. Die wichtigste Erkenntnis für mich: Selbstvertrauen kommt vielleicht nie. Aber auf meine Tapferkeit kann ich mich immer verlassen.
Sie sprechen oft von Ihrer Tapferkeit.
Ja. Ich bin verdammt mutig. Wenn man wüsste, was in meinem Kopf vorgeht, wüsste man, warum. Ich kämpfe täglich gegen mich selbst – und das erfordert Mut.
Wie finden Sie heute Erdung und innere Stärke – nach Jahrzehnten als internationaler Superstar?
Man muss egoistischer werden. Absolute Ruhe, nichts tun – das ist für mich essenziell. Ohne das „Nichts“ könnte ich das „Alles“ nicht leisten. Seit ich 50 bin, habe ich keine Energie mehr für Unsinn und falsche Menschen. Ich bin regelrecht allergisch dagegen geworden. Man darf seine Energie nicht an Dinge verschwenden, die sie nicht verdienen.
Eine letzte Frage: Wenn Sie Ihrem jüngeren Ich – ganz am Anfang bei Take That – heute etwas sagen könnten, was wäre das?
Ich würde sagen: Deine Träume sind nicht groß genug. Wenn nicht du – wer dann? Und hör auf, nach Selbstvertrauen zu suchen. Verlass dich auf deinen Mut
Vielen Dank für das Gespräch.
Interview: Sophie Adell for PRESTIGE
Photo credit: Jason Hetherington