Manche Pressetage fühlen sich an wie ein Pflichttermin. Dieser hier nicht. Schon auf der Anfahrt nach Grenchen war klar: Hier geht es nicht um eine Höflichkeitsrunde im neuesten SUV, sondern um drei sehr unterschiedliche Charaktere, die alle denselben Namen tragen. Cayenne, Cayenne S, Cayenne Turbo – alle elektrisch, alle auf demselben Gelände, alle an einem einzigen, ziemlich vollgepackten Tag gefahren. Wer am Ende glaubt, ein Elektro-SUV sei automatisch das brave, vernünftige Familienauto, hat diesen Tag nicht erlebt.

Bevor der Motor überhaupt läuft: Stille, Lupen, Präzision

Der Tag beginnt nicht mit Reifenquietschen, sondern mit einer Lupe. Im Empfang von Porsche Design führt man uns durch die Uhrenmanufaktur, vorbei an Werkbänken, an denen Uhrmacher mit einer Ruhe arbeiten, die in krassem Kontrast zu dem steht, was später auf der Strecke passieren wird. Man sieht, wie aus hundert Kleinstteilen ein Chronograf wird, der Generationen überlebt. Es ist ein kluger Einstieg: Bevor man PS und Sekunden diskutiert, zeigt einem die Marke, wo ihr Anspruch an Präzision eigentlich herkommt. Diese Sorgfalt, das wird im Laufe des Tages klar, hört nicht beim Zifferblatt auf.

Der Cayenne Electric: Der Unterschätzte

Man startet mit dem Basismodell – und schon nach den ersten Metern merkt man, dass „Basis“ hier ein irreführendes Wort ist. 408 PS, 442 PS im Overboost, 4,8 Sekunden auf 100 km/h: Auf dem Papier klingt das nach dem soliden Einstieg. Im echten Leben fühlt es sich an wie ein Auto, das genau weiss, was es kann, und sich nicht beweisen muss. Das Drehmoment kommt sofort, ohne Drama, ohne Verzögerung – einfach satt. Es ist das Modell, in dem man am ehesten vergisst, dass man in einem Testfahrzeug sitzt, weil es sich so unaufgeregt alltagstauglich anfühlt. Genau hier zeigt sich auch die andere Seite des Cayenne: Als wir das Auto mit Koffern, Taschen und Ablagen vollpacken müssen, wird klar, wie viel Substanz hinter der sportlichen Linie steckt. 1.588 Liter Kofferraum, 90 Liter zusätzlich im Frunk vorne – man bekommt das Gepäck einer ganzen Pressereise unter, ohne zu improvisieren.

Der Cayenne S Electric: Der Mittelweg, der keiner ist

Wer denkt, der S sei nur die etwas schnellere Version des Basismodells, irrt. 544 PS, 666 PS im Overboost, 3,8 Sekunden auf 100 – das ist kein Zwischenschritt, das ist ein eigener Charakter. Wo der Basis-Cayenne souverän bleibt, wird der S spürbar ungeduldiger. Man tritt aufs Pedal und merkt, wie das Auto regelrecht nach vorne drängt, fast so, als wolle es einem signalisieren, dass da noch mehr geht – was, wie sich später zeigt, auch stimmt. Auf der Geländestrecke des TCS-Areals, durch Schräglagen, Wasserdurchfahrten und wechselnde Steigungen, bleibt der S erstaunlich gelassen. Man rechnet ständig mit dem Moment, in dem ein so kraftvolles, tiefliegendes Auto im Gelände an seine Grenzen kommt – und wartet vergeblich darauf. Bodenfreiheit bis 245 mm mit Offroad-Paket, Anfahrwinkel bis 25 Grad vorne: Zahlen, die man auf dem Papier überliest und im Gelände sehr genau zu schätzen lernt.

Der Cayenne Turbo Electric: Wenn die Zahl auf dem Datenblatt lügt – nach unten

Und dann der Turbo. 857 PS in der Dauerleistung, 1.156 PS im Overboost für zehn Sekunden, 1.500 Nm Drehmoment – Werte, bei denen man vor der ersten Fahrt skeptisch wird, weil sie zu absurd klingen, um im Alltag spürbar zu sein. Sie sind es trotzdem.

Auf der Beschleunigungsstrecke aktiviert man Launch Control, hält die Bremse, gibt Vollgas, lässt los – und für einen Moment setzt das Gehirn aus. Porsche nennt offiziell 2,5 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h. Meine eigene Messung an diesem Tag: 2,4 Sekunden. Eine Zehntelsekunde, die sich nicht nach Messungenauigkeit anfühlt, sondern nach einem Auto, das an diesem Tag schlicht noch besser drauf war als im Datenblatt vorgesehen. Was an dieser Beschleunigung am meisten überrascht, ist nicht die reine Wucht – die erwartet man bei diesen Zahlen –, sondern wie leise sie passiert. Kein Hochdrehen, kein Ankündigen, kein akustisches Spektakel. Nur ein Druck im Rücken und ein Tacho, der Zahlen anzeigt, die nicht zur Stille im Innenraum passen wollen. 260 km/h Spitze, 7,4 Sekunden auf 200 – Zahlen, die in einem SUV mit Kofferraum und Anhängerkupplung eigentlich nichts zu suchen haben.

Den vielleicht unterhaltsamsten Beweis seiner Vielseitigkeit liefert der Turbo beim Anhänger-Parcours: Mit bis zu 3.500 kg Zugkraft zieht er einen kompletten 911 GT3 auf dem Hänger durch ein Slalom-Setup – und das, ohne dass das Heck auch nur kurz über seine eigene Masse nachdenkt. Ein Elektro-SUV, das den emotionalsten Verbrenner der Marke huckepack durch den Parcours trägt, während es selbst die Ruhe behält: Das ist die Art von Szene, die man sich vorher nicht hätte ausdenken können.

Laden ohne Kabel: Der leiseste Programmpunkt des Tages

Porsche zeigt mit dem Wireless Charging ein induktives 11-kW-Ladesystem, das ganz ohne Kabel, Stecker oder Suchen im Dunkeln funktioniert: Eine kompakte Ein-Box-Bodenplatte am Boden, eine passende Fahrzeugplatte am Unterboden – Auto darüber positionieren, und der Ladevorgang startet von selbst. Kein Bücken, kein Kabel, das im Regen über den Hof gezogen wird, kein Stecker, der im Winter festfriert.

Bis zu 90 Prozent Effizienz erreicht die Übertragung – ein Wert, der induktivem Laden lange nicht zugetraut wurde. Sensorik überwacht dabei laufend, ob sich etwas zwischen den Platten bewegt oder befindet, und unterbricht den Ladevorgang automatisch, sobald Fremdkörper erkannt werden – von der Katze bis zum vergessenen Spielzeugauto der Kinder ist hier niemand in Gefahr. Für den Alltag bedeutet das vor allem eines: Laden wird zur Nebensache, die man nicht mehr aktiv erledigen muss, sondern die einfach passiert, sobald man in die Garage einfährt. Coupé oder SUV – die eigentliche Wahl des Tages

Wer bei der Modellwahl auf Leistung schielt, kann sich die Diskussion sparen: SUV und Coupé tragen pro Variante exakt dieselbe Leistung, denselben Antrieb, dieselben Fahrwerte. Der Turbo Coupé beschleunigt nicht eine Spur anders als der Turbo SUV – beide teilen sich 857 PS und dieselben 2,5 Werks-Sekunden auf 100. Der Unterschied liegt woanders: in der Silhouette, in 24 mm weniger Höhe beim Coupé, in spürbar mehr Breite über die Hinterachse – und im Kofferraum, der beim Coupé von 1.588 auf 1.347 Liter schrumpft. Wer das Auto fährt, um gesehen zu werden, nimmt das Coupé. Wer das Auto braucht, um etwas zu transportieren, bleibt beim SUV. Eine ehrliche Wahl, keine Kompromisslösung.

Technische Eckdaten im Vergleich

Cayenne Electric Cayenne S Electric Cayenne Turbo Electric
Leistung 300 kW (408 PS) 400 kW (544 PS) 630 kW (857 PS)
Overboost 325 kW (442 PS) 490 kW (666 PS) 850 kW (1.156 PS)
Max. Drehmoment 835 Nm 1.080 Nm 1.500 Nm
0–100 km/h (Werk) 4,8 s 3,8 s 2,5 s
0–200 km/h 18,4 s 12,3 s 7,4 s
Höchstgeschwindigkeit 230 km/h 250 km/h 260 km/h
Reichweite WLTP (SUV) bis 643 km bis 651 km bis 617 km
Nachladen in 10 Min. (SUV) 325 km 329 km 312 km
Preis SUV (Coupé) CHF 119’800 (124’300) CHF 144’600 (149’200) CHF 189’000 (192’500)

 

Share.

Comments are closed.

Exit mobile version