Mit der Fall/Winter-Kollektion 2026 richtet Kreativdirektor Simone Bellotti den Blick nach innen – und stellt eine zentrale Frage: Was bedeutet „Zuhause“ für ein Modehaus? Für Jil Sander wird es zu einem emotionalen Raum voller Gegensätze, in dem Schutz, Spannung und Veränderung gleichzeitig existieren.
Bellotti, der mit dieser Kollektion seine zweite Präsentation für das Label zeigt, nähert sich der Marke nicht nur als ästhetischem System, sondern als Ort des Lebens. Ein Zuhause kann Geborgenheit geben oder Enge erzeugen – es kann Ruhe bieten oder Konflikt hervorrufen. Genau diese Widersprüche übersetzt der Designer in eine Kollektion, die zwischen Kontrolle und Loslassen oszilliert.
Während sein Debüt noch stark auf die Essenz der Marke fokussiert war, geht Bellotti nun einen Schritt weiter. Die strenge Reduktion, für die Jil Sander berühmt ist, wird erweitert: Kurven ersetzen klare Linien, Stoffe wirken grosszügiger eingesetzt, Silhouetten gewinnen an Bewegung. Paradoxerweise entsteht gerade durch dieses „Mehr“ eine neue Form der Zurückhaltung – als würde das Hinzufügen den gleichen Effekt haben wie das Weglassen.
Farblich bleibt die Kollektion bewusst nah am häuslichen Umfeld: Verwaschene Neutraltöne treffen auf Schwarz, Blau und Grau. Im Mittelpunkt steht dabei die Beziehung zwischen Körper und Kleidungsstück. Schultern heben sich leicht an, Kragen rutschen nach hinten, Taschen scheinen zu wandern – als hätten die Teile eine eigene Dynamik. Hohe Schlitze in Mänteln und Blazern verleihen den Looks Bewegung, während weiche Stoffmengen skulpturale Formen bilden.
Auch Bellottis persönliche Geschichte fliesst ein: Sein Vater arbeitete als Polsterer, und der Einfluss von Möbelstoffen ist spürbar. Materialien, die sonst eher in Interieurs zu finden sind, werden in fliessende Silhouetten übersetzt oder zu sanduhrförmigen Drapierungen modelliert.
Damen- und Herrenmode spiegeln sich in der Kollektion kontinuierlich wider. Dieses Spiel mit Gegensätzen setzt sich auch bei den Accessoires fort: Schuhe reichen von überhöhten Absätzen bis zu unisex Slip-ons, die fast wie Socken wirken. Eckige Schnürschuhe und bewusst gealterte Wildlederstiefel ergänzen das Bild.
Neue Taschen verbinden geometrische Strenge mit organischen Formen – ein weiteres Spiel mit Kontrasten. Zudem geben Sonnenbrillen einen ersten Ausblick auf eine kommende Zusammenarbeit mit Oliver Peoples.
Mit seiner Fall/Winter-Kollektion 2026 zeichnet Simone Bellotti ein Bild von Jil Sander als Haus, das zugleich Heimat und Experimentierfeld ist – ein Ort, an dem Widersprüche nicht aufgelöst, sondern bewusst gelebt werden.
Für weitere Informationen besuchen Sie:
